Abenteuer für Läufer: der erste Ultra
Abenteuer für Läufer: der erste Ultra

Abenteuer für Läufer: der erste Ultra

Verlockend ist es schon: Mal eine Strecke zu laufen, die länger ist als ein Marathon.
Ultra-Lauf.
Nicht auf der Straße, sondern in den Bergen, mit Up- und Downhills, mit schmalen Pfaden und viel Abwechslung.
Aber länger als Marathon, das bedeutet: mindestens 43 Kilometer, gerne etwas mehr. Und angesichts solcher Zahlen kann man schon mal ins Zweifeln geraten: Kann ich so etwas schaffen? Das normale Training liegt bei zehn, 15, mal 20 Kilometer, aber mehr als ein Halbmarathon ist es zumindest bei uns selten gewesen. Und dann mehr als doppelt so viel?

Unser eigener Ultra: Einmal über den Harz

Ultra: Blick auf den Brocken
Ultra: Blick auf den Brocken

Den Zugspitz-Ultratrail, bei dem es eine 50-Kilometer-Strecke gab, haben wir dann doch verstreichen lassen. Mit leisem Bedauern spätestens in dem Augenblick, als wir einige Live-Aufnahmen des Laufs per Video-Stream sahen: Diese Landschaft! Irgendwann haben wir einen Entschluss gefasst: Wir machen unseren eigenen Ultra. Ganz ohne Wettkampf.

Ein Lauf quer über den Harz, von Ilsenburg über den Brocken nach Herzberg am Harz. Knapp 54 Kilometer, mit über 1500 Metern Höhenunterschied. Ein Riesen-Unterfangen für Greenhorns wie uns. Aber ein Plan, den wir in die Tat umsetzen wollten.

Früh am Morgen geht es los – das Abenteuer beginnt!

Ultra: Unterwegs im Ilsetal
Unterwegs im Ilsetal

Früh um sieben geht es von der Unterkunft in Ilsenburg los. Durchs wildromantische Ilsetal, auf dem Heinrich-Heine-Weg, der schmal und teilweise ziemlich technisch, vor allem aber wunderschön ist. Dann weiter, rauf auf den Brocken. Der Weg ist steil, aber noch lässt er sich ohne Stöcke bewältigen. Nicht schnell, aber es geht stetig voran. Wir fühlen uns noch fit. Aber wir haben ja noch nicht einmal zehn Kilometer geschafft.

Wir müssen trotzdem regelmäßig anhalten, denn es ist hier einfach zu schön, um bloß vorbeizurennen. Es gibt wirklich viel zu sehen, und diese Pausen gönnen wir uns: Der Wasserfall, der Heinrich-Heine-Stein, kleine Steinfiguren neben dem Weg und vieles mehr. Ritual: Uhr stoppen, an der Stelle eine Linie im Boden ziehen, fotografieren, dann zur Linie zurückkehren und die Uhr wieder laufen lassen…

Erste Etappe: Durchs Ilsetal auf den Brocken

Der 1142 Meter hohe Gipfel ist die erste Etappe auf unserer Strecke. Es ist windig, aber ganz klar, die Sicht nach allen Seiten großartig. Und dann geht es auch schon weiter, auf der anderen Seite wieder nach unten. Erst ein Stück neben der Brockenbahn, dann auf dem Goetheweg, vorbei an einem schwarzrotgoldenen Pfahl, der daran erinnert, dass hier einst die deutsch-deutsche Grenze verlief. Vorbei auch an Moorlandschaften und an Bäumen, die vom Borkenkäfer niedergefressen wurden. Hier oben erholt sich die Natur schon wieder ein bisschen, aber an einigen Stellen sieht der Wald schlimm aus.

Von Torfhaus durch die Hitze

Ultra, 1. Etappe: Auf dem Brocken
Ultra, 1. Etappe: Auf dem Brocken

Torfhaus ist die zweite Etappe. Der Brocken ist schon längst wieder Vergangenheit, nur das Pfeifen der Brockenbahn erinnert noch daran. Und die vielen Wanderer, die uns entgegenkommen. Sie haben den Anstieg noch vor sich.
Auf einem schmalen Weg geht es weiter, vorbei am Felsgeröll der Wolfswarte. Zum Laufen ist es zu steinig, aber die Stöcke leisten gute Hilfe, es geht schnell voran. Die Beine sind noch fit, obwohl es inzwischen fast 28 Grad heiß ist.
Wir haben in unseren Laufrucksäcken neben einer 1,5-Liter-Blase jeweils zwei Halbliter-Flasks und am Gürtel noch einmal eine 250-Milliliter-Flask verstaut, alles gefüllt mit isotonischen Getränken. Dazu Energieriegel und eine Banane (die auf dem Brocken verspeist wird und besser schmeckt als jede Banane zuhause). Auf dem Weg pflücken wir ein paar Himbeeren.

Langsam spüren wir die Beine

Weiter geht es auf der Anhöhe auf unser nächstes Etappenziel zu: den Parkplatz Stieglitzeck. An einigen Stellen ist es windstill und es fühlt sich an wie in einem Backofen. Jeder kleine Schluck aus der Flasche ist eine Wohltat. Aber ich könnte jetzt dringend eine Cola gebrauchen…
28 Kilometer. Langsam spüren wir die Beine. Aber es ist weniger schlimm, als wir gedacht hätten. Keine Krämpfe, keine Schmerzen, nur das Gefühl, dass wir schon ordentlich Strecke gemacht haben.

Auf der Loipe zum Acker

Hinter dem Parkplatz geht es auf der Reitstieg-Loipe in Richtung Acker. Der Weg ist breit und gut laufbar, aber nach einiger Zeit weist ein Schild darauf hin, dass ab jetzt gutes Schuhwerk nötig ist. Es wird technischer. Die Stöcke kommen wieder in Einsatz. Über unzählige Steine geht es auf einem schmalen Weg, vorbei an Heidekraut und krummen Fichten, auch mal ziemlich steil und zwischendurch mit Blick auf Felsen und in die Weite. Das nächste Etappenziel, die Ausflugsgaststätte Hanskühnenburg bei Kilometer 35,5, ist nicht mehr weit. Und damit die ersehnte Cola.
Für die gönnen wir uns eine kleine Pause und ergänzen das flüssige Menü noch mit einem alkoholfreien Bier mit Zitrone. Nie schmeckten diese Getränke besser…

Abstieg nach Sieber – der Marathon ist geschafft

Ultra: der Weg zum Brocken
Ultra: der Weg zum Brocken

Die Sorge vor einem Blubberbauch ist unbegründet. Der Abstieg in Richtung Sieber ist ein flotter Downhill – irgendwas in den Getränken hat uns neuen Antrieb gegeben. Und wir nähern uns unaufhörllich der Marathon-Distanz.

Kurz hinter Sieber zeigen die Uhren 42 Kilometer an, und wir zählen die Meter bis zur magischen Marke. Ab jetzt ist es ein Ultra!
Dafür wird der Weg jetzt richtig brutal. Ein sehr steiler Aufstieg auf einem schmalen Singletrail zickzackt nach oben in Richtung Großer Knollen. Die nächsten Kilometer müssen wir uns wirklich erkämpfen, Meter für Meter. Längst sind Cola und Bier im Bauch verdunstet, der Durst ist wieder da. Aber wir sind oben. Nicht am Knollen, denn Gipfel haben wir für heute genug. Aber nur ein paar Höhenmeter weniger auf dem Weg, der um den Berg herumführt – mit gutem Blick auf den Turm.
Der letzte Downhill hat es ebenfalls in sich. Die Knie machen sich bemerkbar, aber wir sind inzwischen bei Kilometer 48. Wir kommen nur langsam voran, aber wir müssen nicht stehenbleiben. Immerhin.
49, 50….

Ultra, die letzte Etappe

Die letzten Kilometer laufen wieder besser. Da ist noch Kraft! Und zum Glück auch noch Flüssigkeit in unseren Flaschen. Wir lassen rollen, und wenig später öffnen sich vor uns Wiesen. Die Strecke ist uns bekannt, die sind wir schon oft gelaufen.
Noch ein kleiner Berg, eigentlich ein Hügel, der sich heute höher anfühlt als sonst. Und dann die letzten zwei Kilometer. An einem Schild vor den ersten Häusern Herzbergs stoppen wir unsere Uhren. 53,82 Kilometer. Wir haben es geschafft!
8.48 Stunden haben wir für unser Abenteuer gebraucht, 1533 Höhenmeter gefressen, unterwegs vier Energieriegel vertilgt und fast vier Liter getrunken. Was bleibt, sind etwas Müdigkeit, weniger Muskelkater als befürchtet und vor allem sehr viel Stolz.

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