Für Menschen in Berlin gilt auch eine Anhöhe von 120 Metern als Berg. Ja, auch im Grunewald gibt es – für Berliner Verhältnisse – ordentliche Auf- und Ab-Strecken. Auch wenn die Menschen in den Mittel- und Hochgebirgen darüber vermutlich nur lachen können. Klar, dass für Flachland-Tiroler wie mich ein Lauf im Chiemgau eine echte Herausforderung, um nicht zu sagen, ein Abenteuer ist. Aber wie das mit Herausforderungen so ist – sie haben eine große Anziehungskraft. Und so kam es, dass wir am 7. Mai zu unserem ersten Chiemgau Trail Run gestartet sind. 21 Kilometer Strecke. Die Länge kannten wir – bloß nicht mit wirklich hohen Bergen.
Gut vorbereitet für den Chiemgau Trail Run
Um es noch herausfordernder zu machen, sind die Wege rund um Marquartstein nach tagelangem Regen schlammig und damit rutschig. Aber das ahnen wir noch nicht, als wir bei diesem Traillauf-Wettkampf am Start stehen. Wir sind gut vorbereitet: Schuhe mit gutem Grip (Hoka One One Evo Mafate), Laufweste mit zwei 0,5-Liter-Flasks, Stirnband mit Visor, um die Brille vor Regen zu schützen, und natürlich Regenjacken (Salomon Bonatti Trail Jacket).
Perfektes Laufwetter
Beim Start ist es trocken (von oben), die Luft ist frisch und klar. Perfektes Laufwetter! Los geht es in zwei Gruppen, anfangs eher im Geh-Tempo, denn der erste Weg ist so schmal, dass man hintereinander laufen muss. Irgendwo staut es sich, aber dann können wir laufen. Endlich! Die Wege sind am Anfang überwiegend breit, aber es geht stetig bergan. Spätestens jetzt vermissen wir unsere Laufstöcke. Die meisten anderen Läufer haben daran gedacht. Beim nächsten Mal nehmen wir sie mit!
Über 1000 Höhenmeter innerhalb von acht Kilometern
Die Läufer, die die 60 bzw. 42 Kilometer Strecke absolvieren, sind schon lange unterwegs. Irgendwann beschließen die Organisatoren, die die 60 Kilometer aufgrund des Wetters auf etwa 53 zu kürzen. Unsere Streckenlänge bleibt und wechselt zwischen Pfad, Natur- und Schotterweg. Und es wird steil! Innerhalb von acht Kilometern sind über 1000 Meter Anstieg zu bewältigen.
Laufen auf schlammigen, schmalen Wegen
Einige Pfade sind kaum breiter als zwei Füße, sie schlängeln sich am Berg hoch. Zum Glück gibt es Bäumchen, an denen man sich festhalten kann. Jeder Schritt muss mit Bedacht gewählt werden, denn neben dem Pfad geht es steil bergab. Auf dem matschigen Untergrund ist das wirklich eine Herausforderung, zumal hinter uns immer wieder Läufer auftauchen, die schneller sind.
Entspannte Atmosphäre und freundliche Mitläufer
Was uns auffällt, ist die entspannte Atmosphäre. Beinahe jeder grüßt beim Vorbeilaufen, die meisten bedanken sich fürs Platz-Machen. Hier sind alle in einem Boot, und das fühlt sich gut an. Das letzte Stück des Anstieges aber ist brutal. Es geht steil nach oben, ohne Schlängelweg. Und wer nach oben guckt, sieht überall Läufer vor sich, die schon etwas weiter sind. Weiter oben.
Wann kommt der Gipfel?
Kurze Verschnaufpausen müssen jetzt sein. Es ist anstrengender als alles, was ich bisher gemacht habe. Aber trotzdem macht es Spaß. Aber kann der Gipfel jetzt bitte mal kommen? Wir achten nicht mehr auf die Zeit – angesichts des Anstieges macht das auch keinen Sinn. Eine solche Strecke kann man nicht mit einem „normalen“ Halbmarathon vergleichen.
Gipfelkreuz erreicht – der Abstieg beginnt
Und plötzlich taucht das Gipfelkreuz der Hochplatte im Nebel auf. Wir sind auf 1583 Metern Höhe. Es ist kalt und feucht und man kann kaum zehn Meter weit gucken. Trotzdem machen viele Läufer Fotos. Und bereiten sich auf den Abstieg vor. Der ist genauso wie der Anstieg: steil, matschig und eine echte Rutschpartie. Junge Kiefern werden zu Halteseilen, ab und zu müssen wir uns einen neuen Weg suchen, weil der offizielle ohne Sturz nicht zu bewältigen ist. Stürze gibt es trotzdem, zum Glück keine mit Verletzungen. Aber inzwischen sind wir von oben bis unten voller Schlamm.
Zwischendurch verläuft der Weg durch verharschten Schnee. Einige rutschen einfach auf dem Hosenboden, andere suchen ihren Weg zwischen den Bäumen.
Eine Versorgungsstelle mitten im Nebel
Irgendwann haben wir wieder einigermaßen festen Boden unter den Füßen. Und stehen wenig später vor der Versorgungsstelle. Hier harren Menschen bei Niesel und Nebel aus, um Läufern des Chiemgau Trail Run Wasser, Weintrauben, Datteln oder Salzbrezeln zu überreichen. Ein kurzer Schwatz – und weiter geht’s. Immerhin liegt noch der größte Teil der Strecke vor uns!
Herrliche Wege
Der Weg ist ein Traum, auch wenn der Himmel dicht verhüllt ist. Schmal, technisch und sehr spannend. Zwischendurch gibt es breite Schotterwege, aber immer wieder wunderschöne Pfade. Es koimmen noch weitere Anhöhen, aber an den meisten laufen wir vorbei. Wirklich steil wird es nicht mehr, aber weniger anstrengend auch nicht. Es geht über Weiden, vorbei an einsam gelegenen Häusern, nochmal ein Stück bergauf.
Bunte Schleifen als Hinweisschilder
Zwischendurch beginnt es zu regnen, aber jetzt ist jeder Läufer des Chiemgau Trail Run sowieso nass. Schleifen in Blau, Grün und Rot weisen den Weg. Zum Glück, denn ab und zu ist weder vor, noch hinter uns ein Läufer zu sehen. Aber jeder Abzweig ist zusätzlich mit Farbe am Boden gekennzeichnet.
Das Ziel ist in Sicht!

Irgendwann sind wir es, die andere überholen. Nicht viele, aber immerhin. Denn die Beine, die beim Aufstieg so wirkten, als wären mehrere Kilometer beim besten Willen nicht mehr drin, haben sich beim Abstieg tatsächlich erholt. Da ist noch Kraft, und wir nutzen sie. Als irgendwann das erste Schild mit der Aufschrift „Ziel“ und einem Pfeil zu sehen ist, werden wir ein bisschen euphorisch.
Aber es dauert noch eine ganze Weile, bis wir aus dem Wald hinauslaufen auf die Straße, die ins Ziel führt. Die letzten Meter spüren wir kaum. Eine Kurve noch, dann taucht der Bogen mit den riesigen Buchstaben „CTR“ vor uns auf. Ein Ansager begrüßt und per Lautsprecher persönlich, jemand hängt uns die Medaille um – und wir sind da. Voller Matsch und Adrenalin.
Chiemgau Trail Run: Wir kommen wieder!
Es war ein tolles Abenteuer, und die Dusche danach haben wir uns wirklich verdient. Und der Muskelkater hat uns ein paar Tage treu begleitet. Auch er war eine Trophäe, denn er gehört zu so einem Lauf einfach dazu. Dass wir am Ende mehr als viereinhalb Stunden für die 21 Kilometer gebraucht haben, ist nur eine Randnotiz. Wir sind mächtig stolz auf das, was wir geleistet haben. Und planen schon den nächsten Trail-Wettlauf!
Infos über den Lauf