Funktionskleidung aus Merino-Fasern – lohnt sich das?
Funktionskleidung aus Merino-Fasern – lohnt sich das?

Funktionskleidung aus Merino-Fasern – lohnt sich das?

Als Läufer sind wir daran gewöhnt, Funktionskleidung zu tragen. Die ist atmungsaktiv und trocknet schnell – und genau das ist für den Sport wichtig. Allerdings besteht diese Kleidung in der Regel aus Kunstfasern, die oft schon nach ein- oder zweimaligem Tragen unangenehm riechen. Deshalb bevorzugen inzwischen viele Läufer Textilien aus Merinowolle. Lohnt sich das?

Merino ist weich und duftet lange frisch

Als ich vor vielen Jahren mein erstes Baselayer-Shirt aus Merino gekauft habe, war dieses Material im Laufsport noch kein Thema. Erst einmal habe ich es vor allem beim Wandern getragen und mochte es sehr – allerdings hat es anfangs ordentlich gekratzt. Neue Merino-Shirts sind da ganz anders. Sie sind weich und tragen sich sehr angenehm. Was mir am besten gefällt: Sie riechen auch nach mehrmaligem Tragen noch so wie frisch gewaschen.

Vorteile des Materials

Inzwischen kann Merino auch mit den Vorteilen der klassischen Funktionskleidung mithalten und es ist eine gute Alternative zu den synthetischen Materialien. Die Stoffe fühlen sich auf dem Körper nicht nass an, sie sind atmungsaktiv und leicht. Die Haut bleibt lange trocken. Auch als Teil einer Schicht-Bekleidung eignet sich Merino, weil das Material den Schweiß gut ableitet.

Wärmedämmung und Schutz vor Geruch

Und Merino kann noch mehr: Bei Hitze kühlt sie und bei kühleren Temperaturen wärmt die Faser. Außerdem schmilzt Merino nicht und gilt als nicht entflammbar. Einer der größten Vorteile des Naturprodukts ist, dass es auf natürliche Weise die Geruchsbildung hemmt. Das liegt an der Oberflächenstruktur. Kunstfasern haben eine glatte Oberfläche, auf der Bakterien und Schweiß gut haften bleiben. Merinofasern dagegen haben eine schuppige, „dachziegelartige“ Struktur, die es Bakterien schwer macht, sich festzusetzen. Hinzu kommt, dass Merino Proteine enthält, die geruchsverursachende Bakterien abbauen.

Kein Kratzen

Mein erstes Merino-Shirt war etwas unangenehm auf der Haut. Bei neueren Modellen ist das viel besser. Vielleicht liegt das auch daran, dass die älteren Stücke aus eher groben Fasern gestrickt wurden. Denn je feiner die Faser ist, desto weicher fühlt sie sich an. Die Fasern sind wirklich hauchdünn, sie haben nur ein Drittel des Durchmessers eines menschlichen Haares. Bei Reibung mit der Haut krümmen sich die Fasern und kratzen deshalb nicht. Tipp: Manche Hersteller weisen auf die Stärke der Fasern hin. Sie nutzen dafür die Maßeinheit Mikron (1 Mikron = ein Millionstel Meter). Je geringer die Zahl, desto feiner und damit kratzfreier ist die Faser. Ideal sind Mikron-Werte zwischen 17 und 20.

Wer sehr empfindliche Haut hat, kann aber auch Kleidung aus einem Merino-Mischgewebe nehmen (etwa Mischungen mit Seide).

Auf Mulesing-Verzicht achten!

Merinoschafe auf einer Weide in Australien
Merinoschafe auf einer Weide in Australien Foto: Loic Leray / Unsplash.com

Wenn du Laufkleidung aus Merino kaufen möchtest, solltest du unbedingt darauf achten, dass der Hersteller auf Mulesing verzichtet. Der Begriff beschreibt ein Verfahren, bei dem den Merinoschafen ohne Betäubung und Nachsorge ein Teil der Haut im After- und Genitalbereich entfernt wird, um den Befall mit Fliegenlarven zu verhindern.

Hersteller sollten darauf hinweisen, dass bei ihren Produkten auf diese schmerzhafte Prozedur verzichtet wird. Falls sie es auf ihrer Website nicht tun, solltest du nachfragen und ansonsten auf einen anderen Hersteller zurückgreifen.

Was ist bei Merino-Sportkleidung anders?

Nach dem Waschen brauchen die Stücke etwas länger, bis sie trocken sind. Das ist bei Funktionskleidung aus Synthetik anders.
Um die bestmögliche Funktion zu erhalten, wird Merino häufig mit anderen Materialien gemischt. Ideal ist ein Wollanteil von mindestens 40 Prozent. Besonders umweltfreundlich ist eine Kombination mit Econyl (ein Nylon-Material, das zu 100 Prozent aus recycelten Kunststoffen besteht) oder TENCEL Lyocell (das sind industriell hergestellte Fasern aus Zellulose, die sehr atmungsaktiv und schweißregulierend sind).

Schutz vor Löchern

Anders als Synthetikfasern ist Merino etwas anfälliger für Löcher. Das gilt besonders für die Stücke mit sehr feinen Fasern. Das Material ist weniger abriebfest. Achte deshalb beim Waschen darauf, die Stücke vor Beschädigungen durch Klettverschlüsse, Knöpfe oder Reißverschlüsse zu schützen (oder wasche sie einfach getrennt oder im Waschsack).
Als Naturfaser ist Merino auch für Kleidermotten interessant. Schützen kannst du die Stücke durch regelmäßiges Waschen. Alternativ kannst du ein Lavendel-Säckchen oder Produkte mit Neem, Zirbelkiefer oder Zeder in den Kleiderschrank legen. Das sind Hölzer, deren ätherische Öle Motten vertreiben.
Übrigens ist Merino so umweltfreundlich, dass die Fasern biologisch abbaubar sind. Sie brauchen etwa zwölf Monate in der Erde, um sich aufzulösen.

Bekannte Hersteller von Merino-Sportbekleidung

Knäuel mit Merinowolle
Knäuel mit Merinowolle Foto: Michele Kelling / Unsplash.com

Merino-Mischungen gibt es zum Beispiel bei Super.Natural. Das Schweizer Unternehmen achtet auf Mulesing-freies Merino und verwendet eine Mischung mit PrimaLoft Bio. Das sind biologisch abbaubare Fasern, die in Deponien, Ozeanen und Abwässern schneller abgebaut werden, weil sie interessant für natürlich vorkommende Mikroben sind. Zurück bleiben in der Natur vorkommende Stoffe wie Wasser, CO2, Methan, Biomasse und Humus. Das wurde in Versuchen bestätigt.

Die Produkte werden aus bis zu 100 Prozent recycelten Materialien hergestellt, vor allem aus Plastikwasserflaschen. Seit 2015 wurde bereits fast eine Milliarde Wasserflaschen aus Meeren und Deponien entfernt.

Das US-Unternehmen Smartwool wurde 1994 gegründet. Bei der Herstellung verwendet es Wolle aus Neuseeland und es achtet zudem auf die Begrenzung seiner Emissionen. Smartwool ist Mitglied der Wollplattform ZQRX, die auf das Wohlbefinden der Tiere setzt (u.a. Verzicht auf Mulesing).

Das Unternehmen Icebreaker wurde 1995 in Neuseeland gegründet. Es kombiniert Merinowolle mit pflanzlichem Cool-Lite. Das ist eine leichte, atmungsaktive Mischung aus TENCEL Lyocell und Merinowolle. Eine Eigenentwicklung für hochintensive Aktivitäten ist „Zoneknit“, eine Body-Mapping-Technologie, mit der die Kerntemperatur des Körpers ausgeglichen wird. Die Stücke haben an Stellen, an denen man leicht schwitzt, Ventilationsbereiche, und sie halten dort warm, wo man es braucht.

Hersteller aus Europa

Schon seit 1853 gibt es das norwegische Unternehmen Devold. Namensgeber war der Industrielle Ole Andreas Devold, der mit einer simplen Strickmaschine anfing und damit erst einmal Unterwäsche und Fäustlinge für die Fischer in seinem Ort herstellte. Zehn Jahre später war Devold schon eine der größten Textilfirmen im Land. Die Wolle kommt aus Neuseeland und Uruguay, ist Mulesing-frei und wird nach Bio-Protokollen geprüft. Die Textilien werden in Europa produziert.

Das Unternehmen Odlo wurde 1946 in Norwegen von Odd Lofterød sen. gegründet. Anfangs produzierte es Skikleidung aus Kunstfasern. Heute gehört auch Merinowolle zum Portfolio. Es gibt Textilien aus reiner Merinowolle, aber auch Mischungen mit anderen Fasern, etwa die Zellulosefaser TENCEL Lyocell.

Merino und Lyocell bilden auch beim deutschen Unternehmen Mammut einen Materialmix für Textilien. Sie werden unter der Bezeichnung Tree Wool angeboten. Die Wollfasern sind RWS-zertifiziert – dieses Siegel wird für Textilien vergeben, die spezielle Tierschutz-Kriterien einhalten. Dazu gehört auch der Verzicht aufs Mulesing.

Das in Bayreuth ansässige Unternehmen CEP hat ebenfalls Stücke aus (Mulesing-freiem) Merino im Angebot – etwa langarmige „Cold Weather“-Shirts, die im Winter angenehm warm halten und Feuchtigkeit regulieren.

Die Mischung aus Merino und Seide macht die kurz- und langarmigen Shirts des Londoner Labels Soar Running ganz besonders weich, bei Kälte wärmen sie, ohne dass es nach einiger Zeit unangenehm wird. Sie liegen eng am Körper an (was nicht jedermanns Sache ist), aber auf diese Weise funktioniert die Temperaturregulierung am besten.

Sportkleidung aus Merino: Unser Fazit

Auch wenn wir längst nicht alle Marken getestet haben: Es lohnt sich, Funktionskleidung aus Merino auszuprobieren. Die Stücke kosten meist etwas mehr als die aus Synthetikfasern, aber das Tragegefühl ist wirklich angenehm. Selbst Stücke, die eigentlich als Wander-Kleidung beworben werden, eignen sich fürs Laufen – jedenfalls für langsame Runden. Besonders gerne mögen wir Socken mit Merino-Anteil, die die Haut auch bei längeren Anstrengungen warm halten.

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